Wie "Innere Arbeit" Organisationen helfen kann
Inner Work: Warum Transformation in Organisationen mit innerer Arbeit beginnt
Transformation ist eines der meistgenutzten Worte in Organisationen. Strategien werden neu ausgerichtet, Strukturen verändert, Prozesse angepasst. Und doch zeigt die Erfahrung immer wieder: Transformation gelingt nicht allein durch neue Konzepte. Sie beginnt bei den Menschen.
Und oft beginnt sie noch früher – bei der inneren Haltung von Führungskräften. Genau darüber habe ich kürzlich im Podcast von Leadership
Choices gesprochen: über Inner Work – die innere Arbeit an sich selbst, und wie diese uns helfen kann die Pause, diesen Moment der Stille, zu
nutzen, um bessere Entscheidungen zu treffen und auch in kritischen Situationen resilient zu bleiben.
Podcastlink: Organizational Transformation & The Impact of Inner Work (Live & Englisch)
Meine erste Begegnung mit Achtsamkeit
Meine erste Begegnung mit Achtsamkeit hatte ich mit etwa 18 Jahren in einer Yogastunde, also nun über 41 Jahre her. Ehrlich gesagt: Ich fand es damals eher befremdlich. Die Übungen mit dem Atem verbinden, still sitzen, den Atem beobachten, nach innen schauen – das war für mich ungewohnt und vor allem unbequem und sehr irritierend. Denn ich wollte auf keinen Fall nach innen schauen. Was könnte ich da finden?
Doch letztendlich habe ich nie aufgehört nach innen zu schauen und zu suchen. Aber das wäre etwas für einen anderen Blogartikel.
Eigentlich hat mich das Thema Achtsamkeit, Kontemplation, Journaling, Meditation nie verlassen - bzw. ich habe es aktiv in mein Leben eingebaut, da ich gemerkt habe, wie mir dies gut tut.
Viele Jahre später, während meiner Zeit bei SAP, tauchte das Thema auch im Unternehmen auf. Dort gab es ein Programm „Search Inside Yourself“ und ich nahm in einem Pilottraining teil. Nach anfänglichem Zynismus konnte ich mich mehr und mehr einlassen und war sehr begeistert, dass Meditation und Achtsamkeit nun auch Einzug hält in die Corporate World. "Search Inside Yourself" (SIY) wurde von Chade-Meng Tan, ein ehemaliger Google Ingenieur und Autor des gleichnamigen Buches. SIY basiert auf achtsamkeitsbasierter Meditation, emotionaler Intelligenz und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen.
Nach meinem Ausstieg aus dem SAP-Konzern und mit meiner Selbständigkeit als Coach, Führungskräfteentwicklerin und Mediatorin in eigener Praxis begann ich mich noch intensiver mit Meditation und Achtsamkeit zu beschäftigen. Ich besuchte 2021 mein erstes einwöchiges Schweigeretreat, das nächste folgte 2023, und absolvierte schließlich die fast 2jährige Ausbildung zur Meditations- und Achtsamkeitslehrerin bei Tara Brach und Jack Kornfield, das MMTCP.
Mir ist es wichtig, dass diese Praxis ein fester Bestandteil in meiner Arbeit – und meines Lebens ist, da ich merke, wie sehr mir das gut tut.
Was ich mit „Inner Work“ meine
Wenn ich im Kontext von Führung und Organisationen von Inner Work spreche, meine ich alle Praktiken, die uns helfen, wahrzunehmen, was in uns selbst geschieht. Dazu gehören zum Beispiel:
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Meditation
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Achtsamkeit
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Journaling
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Kontemplation
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Yoga
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Tai-Chi oder Qigong
- Loving Kindness
- usw.
Bei innerer Arbeit geht es um etwas sehr Konkretes:
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Gedanken wahrnehmen
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Emotionen erkennen
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Körpersignale spüren
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eigene Reaktionsmuster verstehen
ohne sofort darauf zu reagieren. Das ist erstmal leichter gesagt als getan. Kaum wird es im Kopf still, kommt die nächste Idee, wir beginnen zu planen, oder es juckt uns irgendwo am Körper oder es gibt schon Widerstände, bevor man überhaupt anfängt.
Inner Work bedeutet für mich nicht, dass alles still wird oder Gedanken verschwinden.
Es geht vielmehr darum, wahrzunehmen, was ich fühle, was ich denke – und was gerade in mir geschieht, bevor ich reagiere. Genau hier setzt Achtsamkeit an. Meditation und andere
Praktiken wie Journaling oder bewusste Atmung sind Trainingsräume dafür. Sie helfen uns, diese Fähigkeit zu entwickeln – wie ein Muskel, den wir stärken.
Man könnte sagen: Achtsamkeit ist Fitness für den Geist.
Kurz gesagt:
Inner Work bedeutet, die eigene innere Welt besser kennenzulernen. D.h. sie nicht abzuwerten oder gar zu verdrängen, sondern zuerst einmal nur wahrzunehmen.
Wenn wir unter Zeitdruck stehen, Konflikten oder hoher Komplexität ausgesetzt sind, aktiviert unser Gehirn sehr schnell das Stresssystem.
Ein Gedanke, der mir in diesem Zusammenhang besonders wichtig ist, stammt von Viktor Frankl. Er sagte:
Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.
In der Praxis erleben wir diesen Raum allerdings oft nicht. E-Mails, Meetings, Konflikte, Druck, Balance zwischen Familie und Beruf... – all das führt dazu, dass wir oft sehr schnell
reagieren. Häufig automatisch, manchmal impulsiv.
Neurophysiologisch passiert folgendes (hier nur in Kürze):
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Die Amygdala (Teil des limbischen Systems) erkennt potenzielle Bedrohung.
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Sie aktiviert das Stresssystem (Sympathikus, Cortisol, Adrenalin).
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Der Körper bereitet sich auf Fight, Flight oder Freeze vor.
Dies geschieht so schnell, dass wir oft keine Zeit haben zu reflektieren und wirklich nachzudenken. Das hat evolutionäre Gründe: Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, Gefahr schnell zu erkennen und sofort zu reagieren, nicht lange zu reflektieren. Dabei passiert etwas Entscheidendes: Der präfrontale Cortex (der neue Teil unseres Gehirns) – der Bereich für
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Reflexion
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Impulskontrolle
-
komplexe Entscheidungen
wird teilweise herunterreguliert. Das bedeutet: Wir reagieren schneller, aber weniger bewusst. Oder einfacher gesagt: Unter Stress übernimmt unser Überlebenssystem – nicht das reflektierende System.
Achtsamkeit und Meditation helfen, diesen Raum zwischen Reiz und Reaktion wieder wahrzunehmen. Wir brauchen diesen Raum der Reflexion und Stille. Und genau dort beginnt bewusste Selbstführung.
"Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit". (Viktor Frankl)
In diesem Moment können wir wahrnehmen:
- Was passiert gerade in mir?
- Welche Emotion taucht auf?
- Welche Reaktion wäre jetzt hilfreich?
Die Frage ist also nicht, ob wir reagieren, sondern:
Welche Reaktion wählen wir?
Stell Dir vor, Du kaufst einen Hut. Du nimmst auch nicht den erstbesten, der Dir begegnet. Du probierst aus. Du spürst hinein. Du wählst bewusst. Warum also reagieren wir im Alltag oft anders?
Die unterschätzte Führungskompetenz: Innehalten
Eine der wichtigsten Fähigkeiten von Führungskräften ist das Innehalten.
Ich benutze dafür gerne das Bild einer Schneekugel. Wenn eine Schneekugel geschüttelt wird, wirbelt der Schnee durcheinander und man erkennt "fast" nichts mehr klar. Ähnlich verhält es sich mit unserem Geist unter Stress. Gedanken, Emotionen und Sorgen wirbeln durcheinander.
Wenn wir jedoch innehalten, warten und zuschauen, beginnt sich der Schnee langsam zu setzen. Und plötzlich entsteht nach und nach Klarheit. Wenn wir entscheiden, uns diesen Moment zu gönnen und diese Stille, die Betrachtung zulassen, können viele gute Entscheidungen entstehen.
Inner Work ist ein Leadershipskill, das Dir als Führungskraft erlaubt, Transformation zu gestalten, ohne von der Strategie, Vision, To-Do Listen und dem äußeren Druck abgelenkt zu sein.
Regelmäßige Achtsamkeits- oder Meditationspraxis kann genau diese Dynamik verändern.
Mehrere neuropsychologische Effekte sind gut erforscht:
1. Stärkung des präfrontalen Cortex: Meditation stärkt Bereiche, die für Aufmerksamkeit, Selbstregulation und bewusste Entscheidungen zuständig sind.
Dadurch fällt es uns leichter, nicht sofort zu reagieren.
2. Beruhigung der Amygdala: Studien zeigen, dass Meditation die Reaktivität der Amygdala reduziert und Stressreaktionen schneller wieder reguliert.
Das bedeutet: Emotionen tauchen weiterhin auf – aber sie übernehmen weniger schnell die Kontrolle.
3. Aktivierung des parasympathischen Nervensystems: Achtsames Atmen und Meditation aktivieren den Vagusnerv. Typische Effekte können sein: ein ruhigerer Puls, klareres Denken und dadurch auch eine bessere Emotionsregulation.
Der Körper wechselt von: Stressmodus → Regulationsmodus.
Inner Work trifft Leadership: Was das mit dem Executive FiRE Index zu tun hat
Der Executive FiRE Index (EFI) ist ein innovatives Messinstrument für die Resilienz von Menschen in Verantwortung.
Was ist das Innovative am EFI? Die Skalen sind geeicht auf gesunde Führungskräfte, die ihre Selbstführung verbessern möchten.
Neben zeitstabilen Persönlichkeitsfaktoren (Traits) werden auch erlernte und etablierte Verhaltensweisen (Habits) und die aktuelle Lebenszufriedenheit (State) gemessen.
Leadership Choices hat in den vergangenen zehn Jahren – nach umfangreicher Forschung und kontinuierlicher Weiterentwicklung – das „FiRE-Modell der Resilienz“ entwickelt. „FiRE“ steht dabei für Factors Improving Resilience Effectivness.
Was bedeutet das evtl. für Dich?
Nach dem Debriefing der Resultate aus dem EFI arbeite ich mit den Klienten an den Dingen, die veränderbar sind, nämlich an den sog. Habits, den Verhaltensweisen. Die einzelnen Ebenen des EFI werden individuell im Rahmen von Coachings oder auch Resilienz Workshops analysiert und daraus entsprechend Aktionen abgeleitet. Und genau hier wird sichtbar, warum Inner Work so entscheidend ist. Im Executive FiRE Index sprechen wir unter anderem von Attitude und Mental Agility. Attitude beschreibt unsere innere Haltung – die Brille, durch die wir die Welt sehen. Bin ich Opfer oder bin ich Gestalter? Mental Agility ist die Fähigkeit, innezuhalten, Perspektiven zu wechseln und nicht in alten Mustern stecken zu bleiben, sondern auch entsprechend zu agieren. Beides entsteht nicht im Außen.
Führen ohne inneres Dashboard
Stell dir vor, du fährst ein Auto ohne Blick auf das Armaturenbrett. Du weißt nicht, wie schnell du bist, wie viel Energie du noch hast oder ob eine Warnlampe leuchtet.
Genau so erleben viele Menschen ihren Arbeitsalltag.
Ohne innezuhalten, verlieren wir den Kontakt zu uns selbst:
- Stress steigt, ohne dass wir es bemerken
- Emotionen übernehmen die Führung
- Reaktionen werden automatischer statt bewusster
Achtsamkeit als Instrument der Selbstführung
Achtsamkeit, Meditation oder Journaling können Dir helfen wahrzunehmen:
- dein Energielevel
- deine Gedanken und Emotionen
- körperliche Signale von Stress
- automatische Reaktionsmuster
Du erkennst früher, wann du aus der Balance gerätst – und kannst bewusst gegensteuern.
Eine einfache Praxis für deinen Führungsalltag: Die 4x4 Atmung
Zum Abschluss möchte ich dir eine ganz einfache Übung mitgeben. Eine, die du jederzeit nutzen kannst – mitten im Alltag. Im Meeting. Vor einem schwierigen Gespräch. Oder auf dem Weg zum nächsten Termin.
Stell dir beim Atmen ein Quadrat vor. Jede Seite steht für einen Atemabschnitt:
- Einatmen – zähle bis vier
- Halten – halte den Atem für vier
- Ausatmen – zähle bis vier
- Halten – halte erneut für vier
Dann beginnt der nächste Zyklus.
Ruhig. Gleichmäßig. Ohne Druck.
Beobachte was entsteht. Vielleicht spürst Du, dass mit jeder Runde etwas ganz Subtiles entsteht.
- Dein Nervensystem beruhigt sich.
- Dein Geist wird klarer.
- Dein Körper signalisiert: Ich bin sicher.
Und genau hier entsteht wieder dieser Raum, von dem wir gesprochen haben. Der Raum zwischen Reiz und Reaktion.
Diese Übung braucht keine Vorbereitung. Keinen besonderen Ort. Keine zusätzliche Zeit. Nur deine Aufmerksamkeit.
Vielleicht ist genau das der Anfang von etwas Neuem oder Größerem: nicht schneller zu werden – sondern bewusster.
Fazit
Die Achtsamkeitspraxis führt uns zurück zu etwas Wesentlichem:
mehr Freundlichkeit – mit uns selbst und mit anderen. Gerade in Zeiten von Krisen, Druck und zunehmender Polarisierung ist das kein Luxus. Die Einladung ist einfach:
Nimm diese Praxis mit in deinen Alltag. In deine Arbeit. In deine Begegnungen. Und beginne genau dort.
Möchtest Du an meinen offenen Meditationsgruppen teilnehmen?
Dann schreibe mir sehr gerne unter [email protected].
Die Meditationen finden Montagmorgens um 6:30 Uhr und Mittwochmorgens um 8 Uhr statt. Hin und wieder bin ich geschäftlich unterwegs. Lasse Dich auf meine Mailingliste eintragen, damit Du immer verständigt wirst, wenn die Meditation nicht stattfindet. Oder schaue sehr gern nochmals auf meiner Seite nach für meine weiteren Angebote.
Ich freue mich auf Dich!

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Stella (Sonntag, 22 März 2026 17:23)
Danke für diesen so wichtigen Artikel liebe Carolin, ich habe ihn mit großem Interesse gelesen. Besonders interessant finde ich den Aspekt des "Innehaltens" als Führungskompetenz - TOP!
Liebe Grüße
Stella
Karsten Drath (Sonntag, 12 April 2026 09:00)
Sehr spannend, Carolin.
Passend zum Thema gibt es ja auch noch den Podcast mit Dir:
https://www.podcastleaderstalk.com/episoden/episode-140/