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Via Francigena - Pilgern nach Rom

Mein Weg den ich nicht kannte

Kurzes zur Via Francigena

Die Via Francigena – mehr als ein Weg. Ein Weg, der vor über tausend Jahren begann, als der Erzbischof Sigeric von Canterbury den langen Weg von Rom antrat. Die heutige Rekonstruktion stützt sich im Wesentlichen auf Angaben des Erzbischofs Sigeric, der im Jahre 990 nach Rom pilgerte. Heute führt sie noch immer über dieselben Landschaften:
durch das großartige Kent Englands, von Dover bis Calais, entlang der Opalküste, über die Felder und Wälder Frankreichs, durch die Alpen der Schweiz bis in das Licht Italiens und schließlich bis an das Grab des Apostel Petrus.

 

Sie ist unbekannter und stiller als der Jakobsweg, und sehr viel weniger frequentiert. Und genau das wollte ich. 

Der Aufbruch

Als ich einer Freundin von meinem Vorhaben erzählte, war es schnell klar, dass sie mitkommt.
Wir kannten uns seit vielen Jahren – vertraut, ehrlich, verbunden – und so beschlossen wir, gemeinsam zu starten.

Es brauchte nun etwas Vorbereitung und das Üben mit Gepäck zu laufen. Gefühlt war es so: „Einmal gemeinsam im Kraichgau geübt, standen wir kurz darauf in Canterbury“.

An der mächtigen Kathedrale ließen wir uns den Pilgerpass stempeln und ließen und von einer Priesterin den Segen für unsere Reise erteilen. Wir hatten Tränen in den Augen – es fühlte sich so besonders und berührend an – vielleicht, weil wir ahnten, dass dies mehr war als "nur" eine Wanderung. Es war ein Übergang und für jede von uns anders. Aber mehr dazu später.

Auf meine Frage, warum Sie gerne mitgekommen ist, hat sie folgendes gesagt: „Auf jeden Fall ein bisschen Abenteuerlust, weil ich so eine Wanderung ja noch nie gemacht hatte. Also diese Art des Wanderns hat mich gereizt, natürlich auch die Gelegenheit, es dann mit dir zu machen! Und auch die Wahl des Weges, nämlich nicht mit hunderten zugleich unterwegs zu sein, sondern ein bisschen mehr Individualität dabei zu haben.

Es ist auch eine Lust, an der Grenzerfahrung, sich Wind und Wetter auszusetzen, weitergehen zu müssen und damit auch etwas nachzuerleben, was der erste Pilger vor 1000 Jahren erlebt hat. Quasi aus der jetzigen Komfortzone ein bisschen auszusteigen und eine Herausforderung/Zumutung zu suchen, der man ja sonst im Alltag aus dem Wege gehen kann. Auch die Lust an Bewegung und die Überzeugung, dass das Ganze auch der Seele und dem Körper gut tut.“

 

„Manchmal spürt man in einem Moment, dass etwas Größeres beginnt – lange bevor man es versteht.“

 

Die ersten Etappen führten uns von Canterbury über Sheperdswell nach Dover. Durch die sanften Hügel Kents nach Dover und mit der Fähre über den Ärmelkanal nach Calais. Dort, zwischen Hafenlärm und Irrwegen, kam mein erster Frust, denn ich wollte doch pilgern und nicht ewig nach dem Weg suchen. Erst später merkte ich, dass auch das dazugehört. Und dann kam dann das Meer. Die Opalküste mit ihren wechselnden Farben, der Wind, die Weite. Es setzte Regen ein und am schier nicht endenden Sandstrand hat mir der Gegenwind und die Nässe zugesetzt.

Pilgern ist kein Spaziergang. Es ist ein inneres Wagnis.
Regen, Gegenwind, Müdigkeit, Frust – und gleichzeitig dieses unbeschreibliche Gefühl von Lebendigkeit. Das Erblicken von anderen Farben, Pflanzen, Wegen und das Nichtwissen erweckte in mir die Lust, auch immer wieder weiterzugehen.

 

 „Pilgern bedeutet nicht, schnell anzukommen, sondern mitzugehen mit dem, was gerade ist.“

 

Begegnungen & Unterbrechungen

Ein erster Ausschnitt des ersten Abschnittes von Canterbury (GB) bis Wisque (FR):

Wir (und später ich auch alleine) übernachteten in kleinen Bed & Breakfasts, manchmal in Klöstern und auch auf Campingplätzen, die eigens für Pilger einen kleinen Wohnwagen haben.

Auf dieser ersten Reise trafen wir drei Pariserinnen erst in einer Bar, denn wir alle suchten nach einer Übernacht-ungsmöglichkeit. Wir kamen dann alle in einer Gîte an, einer privaten Unterkunft. Wir wurden wunderbar bekocht und am nächsten Morgen gab es ein Frühstück und noch Proviant für den Tag.  Wir alle trafen uns wieder einige Tage später in einem Kloster und man freut sich schon, wenn man sich wiedersieht. Die drei Französinnen sind am nächsten Tag aufgebrochen… wir saßen draußen vor der Unterkunft auf der Bank und ich sah Ihnen nach – fröhlich, leicht, war ihr Schritt und ich bewunderte sie für ihre gemeinsamen Pilgerreisen, die sie schon zuvor unternommen hatten. 

An einem anderen Tag saßen wir an der Bar eines Campingplatzes. Dort sprach mich ein Pilger an, ob ich Carolin bin und ich bejahte. Er kannte mich aus einer Facebookgruppe der Via Francigena.  Eine weitere Begegnung, die mich überraschte und zugleich sehr freute. 

 

Reflexion: "Man kann verbunden sein und sich irgendwo auf der Welt zufällig treffen und die Verbundenheit sogleich spüren. "

 

Auf einer weiteren späteren Etappe hoch auf den Großen Sankt Bernhard,  ist auf einmal wie aus dem Nichts Walter aus Basel aufgetaucht. Ich stand an einer Wegkreuzung und war unsicher ob es nach links oder rechts weitergeht. Walter, ein erfahrener und vor allem trainierter Mann, ging mit mir in meinem (Schneckentempo, denn ich bin bergauf sehr langsam) bis nach Bourg Saint Pierre.  An diesem Tag war dann diese Etappe zu Ende. Wir kamen schön ins Gespräch und teilten dann in der Sonne sitzend bei Kaffee und Eis unsere Geschichten, warum man eigentlich losgelaufen ist.  Wir sind weiter über unseren WhatsApp-Status in Kontakt. 


Oder Heidrun und Klaus aus dem Schwarzwald. Ein Ehepaar -auf dem Rad unterwegs- mit denen ich über den Fluss Po übergesetzt bin. Immer wieder begegneten wir uns. Ob in einem Kloster oder 2 Tage später in einer Gemeinde-unterkunft. Ich war sehr froh um diese Bekanntschaft, da ich Ihnen von einer nicht so schönen Begegnung mein Herz ausschütten konnte.  Gemeinsam hatten wir früh morgens mit dem Fährmann Danillo eine Verabredung, um auf dem kleinen Boot den längsten Fluss Italiens, den Po, zu überqueren. - welch ein Erlebnis.  Die Kühle des Morgens, das Schimmern der aufgehenden Sonne auf dem Wasser und das Gefühl, dass man gerade etwas wirklich sehr besonderes erlebt. Da wurde mir mal wieder die Schönheit der Schöpfung gezeigt. 

 

Auch die Begegnung mit Christine und Raimund aus Österreich, die ich in Rom am Bahnhof bzw. im Zug kennengelernt habe. Wir drei waren gerade im Fahrradabteil mehr oder weniger angekommen, als last minute alle Taschen in den Zug werfend und noch das Fahrrad hinterher, auch Mike mit dabei war.  So schnell, wie auf Pilgerreisen kommt man nicht in tiefe Gespräche. Beim Umsteigen, hatte Raimund einen Unfall und wir alle warteten zusammen, bis die Sanitäter da waren. Ich weiß nicht mehr ob wir den Anschluss verpasst haben, auf jeden Fall, sind Mike und ich weiter gefahren. Sitzplätze gab es keine. Also saßen wir in der Nähe unserer Räder auf dem Boden. Mike teilte sein Vesper mit mir und ich kaufte für uns beide ein Bier.  Es gibt kaum ein Rumgefasel über das Wetter - ihr wisst, was ich meine?

 

Ach ja, nochmals Walter... bei meiner Rückreise von Rom war ich mit dem Zug in Basel "gestrandet".  Walter sah dies in meinem WhatsApp-Status. Kurzerhand holte er mich nachts am Bahnhof ab und ich konnte bei seiner Frau und ihm übernachten. Am nächsten Morgen nach einem schönen gemeinsamen Frühstück ging es dann auch schon wieder weiter Richtung "nach Hause". Noch immer sehr dankbar, denke ich daran zurück. Gastfreundschaft ist wunderbar und herzerfüllend.

 

Ach ja, die Unterbrechungen:

  • Ich hatte mir eine Blase gelaufen und musste pausieren – Ruhetag. Meine Freundin lief eine weitere Etappe und kehrte auch wieder zurück in das Kloster, wo ich den Tag verbrachte. Alleine – nur den Kontakt beim Essen mit einer Nonne, die für mich gebetet und gesungen hat. Das war sehr speziell.
  • Die Pandemie. Stattdessen machte ich mich allein auf eine andere Reise: mit dem Rad von meinem Zuhause bis an den Bodensee.
    Andere Fortbewegung, gleiche Sehnsucht – Bewegung im Außen, Frieden im Innen.
  • Ein Sturz und einige Klammerpflaster im Gesicht - zum Glück ist das passiert, als meine Freundin eine weitere Etappe mit mir gelaufen ist. Als Ärztin hatte sie alles nötige dabei und hat mich super versorgt.
  • Schnee auf dem Weg  zum Gr. Sankt Bernhard im Mai.  In Bourg Saint Pierre hatte ich die Möglichkeit mit den hiesigen „Schneeräumern“ zu sprechen. Leider war die #viafrancigena noch nicht frei. Auch die Passstraße ist nur bis zu einem bestimmten Punkt offen. Wer will auch 13km auf Asphalt gehen? Ich komme also bald wieder zurück und dann werde ich die Wiesen und Blumen genießen.

Auch Stillstand/Unterbrechungen gehören auch zum Weg.

 

Was bleibt nach dem Pilgern

Ich spüre sofort eine Weite in mir und Frieden, sehe ich nur eines der Bilder des Weges oder selbst, wenn ich nur daran denke. 

„Stille schafft innere Räume und Platz für Neues.“

 

Diese Erfahrung wirkt bis heute nach.

 

Ich habe auch erfahren und gelernt, dass Alleinsein und Einsamkeit nicht dasselbe sind.


Einsam war ich schon oft, auch während meines Burnouts – mitten im Leben, unter Menschen oder auch in Bewegung. Doch viele kleine Schritte haben mich etwas erkennen lassen, dass ich sagen kann: „Auf dem Weg aber war ich allein, nicht einsam“. Das war ein heilsamer Unterschied. Stille und Ruhe schaffen innere Räume und Platz für Neues und für Klarheit. Noch heute zehre ich von diesen Erfahrungen der Reise. Ich habe „gefühlt“ einen größeren inneren Raum, es ist wie eine Ressource, die ich jederzeit anknüpfen kann, z.B. wenn ich die Bilder betrachte. Dann fühle ich sofort diese Freiheit, diese Freude und die Weite. Dies hilft mir besonders in stressigen Situationen. Die Via Francigena hat mir gezeigt, dass es manchmal genau das braucht: den Mut, still zu werden, um sich selbst wieder zu hören. 

Meine Verbindung - der spirituelle Faden

Mein Weg auf der Via Francigena war auch ein Weg des Glaubens. Zunächst still, dann deutlicher. Ich habe meine Beziehung zu Jesus wiedergefunden – und auf der letzten Etappe trat Maria in mein Leben. Nicht als Idee, sondern auch als fühlbare Präsenz. Etwas das ich schier nicht für möglich hielt. Ich bin christlich aufgewachsen, aber mit vielen „falschen“ Bilder im Kopf. Ich habe gelernt wieder zu glauben, nicht blind, sondern fragend.

 

Mehr und mehr beschäftige ich mich mit dem spirituellen Aspekt des Glaubens. Nicht nur einfach mal ein Stoßgebet losschicken sondern mir Zeit nehmen für die Beziehung mit Gott, Jesus, Engeln und sich fragend und neugierig hingeben. Ich nutzte diese Beziehungen intensiv. Meist gehe ich mit einer Fragen los und ich bitte um Antwort und ich bekomme diese auch. Es ist nicht zu erklären, aber irgendwann taucht die Antwort auf. Ganz klar und deutlich.

 

Mein Vertrauen ins Leben ist größer geworden und ich spüre mehr Leichtigkeit und Liebe und ich denke, ich verbreite dies auch. Aber diese Antwort muss ich den Menschen um mich herum überlassen. Was habe ich noch entdeckt verstanden:

 

„Liebe lässt mich leben, Angst nicht.“

 

Jemand fragte mich: „Bist du bei Dir angekommen“?

 

Eine Reflexion im Nachgang hat mir dabei geholfen, das herauszuarbeiten. Ist man denn jemals angekommen? Frage ich mich das heute, würde ich sagen: Nein, es gibt immer wieder Dinge, die ich mir anschaue und hinterfrage. Auf der anderen Seite ein klares "Ja". Ich bei mir angekommen,  mit all meinen Seiten, mit dem Licht und dem Schatten, mit meinen Stärken und Schwächen und meiner Verletzlichkeit. Ich pendle immer so dazwischen. Aber das macht das Leben doch lebendig und spannend. Auf dem Weg sein, heißt für mich, auf dem Weg zu mir sein und zur Liebe. Liebe lässt mich leben bzw. lebendig sein, Angst nicht. 

 

Ich wünsche mir, dass dieser Blog inspiriert, Mut macht und Sehnsucht weckt.
Dass er dich ermutigt, deinen eigenen Weg zu gehen – vielleicht allein, vielleicht in Begleitung.

Denn jenseits der Angst -und ich hatte schon viel Angst- liegt das Leben selbst.

  

„Manchmal genügt ein einziger Schritt, um dem Leben wieder zu begegnen.“

Im einem nächsten Blogartikel nehme ich dich mit in die Zeit vor dem ersten Schritt

  • Wie ich mich vorbereitet habe.
  • Welche Fragen mich begleitet haben.
  • Was wirklich wichtig ist, bevor man losgeht.

Und warum die Vorbereitung vielleicht schon der erste Pilgerschritt ist.

 

„Manchmal beginnt der Weg schon, wenn man ihn nur zu träumen wagt.“

Kommentare: 3 (Diskussion geschlossen)
  • #3

    Anna (Montag, 12 Januar 2026 16:46)

    Sehr schön geschrieben.��
    Danke fürs mitnehmen auf deinem Weg!�

  • #2

    Karsten (Montag, 12 Januar 2026 07:12)

    Danke Dir, Carolin, für Deine Reflexionen.
    Man kann spüren, wie bedeutsam diese Reise für Dich ist und war.
    Und ich bekomme Lust darauf, diese langsame Form des Reisens ebenfalls auszuprobieren :-)

  • #1

    Cirsten (Sonntag, 11 Januar 2026 16:59)

    Liebe Carolin,
    dein Text liest sich wie ein langsames, tiefes, intensives Gehen – Schritt für Schritt, mit Atempausen dazwischen. Beim Lesen konnte ich jede deiner Emotionen, die du beschreibst nachempfinden.
    Besonders berührt hat mich, wie klar du beschreibst, dass Alleinsein nicht Einsamkeit bedeutet und wie heilsam Stille sein kann, wenn man den Mut hat, ihr Raum zu geben. Das durfte ich mit letztes Jahr mit dem Auszug in mein eigenes kleines Reich auch erleben.
    Danke, dass du diesen Weg teilst – du gibst mir Mut, mich vielleicht doch einmal auf den Weg zu machen. Dann ein Pilgerweg spukt in meinem Kopf auch noch herum.
    Alles Liebe,
    Cirsten